Der unpolitisch-politische Zille

Zilles Leben und Werk rechtfertigen es, ihn als sozialkritischen Menschen zu bezeichnen. Was sein Zeichenstift hervorbringt, scheinen zwar Anekdoten und Humoresken zu sein, bei genauerer Betrachtung wird aber sowohl dem Wilhelminismus wie der nachfolgenden Weimarer Republik schonungslos der Spiegel vorgehalten. Den Zulauf der Nationalsozialisten beobachtete er mit Argwohn. Zille, der selbst einer armen Arbeiterfamilie entstammte und als Kind unter Hunger und Not zu leiden hatte, blieb auch als erfolgreicher und finanziell gesicherter Künstler bodenständig, wobei er stets sein Augenmerk auf die Sorgen und Befindlichkeiten der sogenannten „Unterschicht” richtete. Zille war, wie seine Nachkommen auch, zeitlebens sozial engagiert und trat für die Rechte der kleinen Leute ein.

Inwiefern Heinrich Zille als sozialpolitischer Mensch eingeordnet werden kann, bleibt offen. Er selbst distanzierte sich oft von der Parteipolitik, indem er wiederholt betonte: „Ich will der Politik nicht angehören.” Sicher ist, dass er in seinem privaten Kreis ähnlich denkende Menschen versammelt hatte: seinen Künstlerfreund Otto Nagel beispielsweise, der sich früh der Arbeiterbewegung angeschlossen hatte, oder Käthe Kollwitz, die sich zwar als Sozialistin bezeichnete, aber zeitlebens parteilos war. Im Unterschied zu seinen später als Vertreter der „entarteten Kunst“ verfemten Freunden erlebte Zille den Beginn des Dritten Reiches und die damit einhergehenden Repressalien wie Arbeits-, Ausstellungs- und Aufenthaltsverbote nicht mehr.